Bikes

BCN // Jenni, der Bike Tour Guide

Jedes Mal, wenn ich auf Reisen in einer neuen Stadt eine Free Walking Tour mitgemacht habe (was ich übrigens nur jedem empfehlen kann), wuchs meine Bewunderung für Tourguides, diese weirde Spezies, die da Tag für Tag unzählige Menschen nach sich ziehen und ihr Wissen für die jeweilige Stadt einfach nur so rauspfeffern, um ein großes Stück. Ich habe mich immer gefragt, wie sich diese Menschen das alles merken können, woher die ihr Selbstbewusstsein dafür haben und vor allem: wie die ihre Rechnungen bezahlen. Kurz: Faszination pur.

Und siehe da – plötzlich bin ich selbst … Fremdenführerin. Bleib’ ma mal a bissl beim Deutschen. Als meine gute Freundin Saskia vor zwei Monaten meinte, die Firma, bei der sie arbeitete, würde dringend deutschsprachige Tourguides suchen, war ich zuerst skeptisch – ich sah mich absolut nicht in der Lage, diesen Job auch nur irgendwie auszuführen. Immerhin war ich zu diesem Zeitpunkt gerade erst zwei Monate in Barcelona gewesen und kannte mich in Punkto Sehenswürdigkeiten Null aus. Also wirklich nada. Und außerdem war da auch plötzlich wieder diese kleine, laute Stimme in meinem Hinterkopf, die recht überzeugt meinte, dass ich da sowieso nicht das Zeug dazu hätte. Und dass sich das eh nicht rentieren würde. Undundund.

Wie wird man eigentlich Tourguide?

Ich hab diese blöde Kuh von Ego-Stimme dann einfach mal ignoriert und dem Ganzen trotzdem eine Chance gegeben. Direkt nach dem Kennenlerngespräch habe ich eine sehr ausführliche PDF-Datei zum eigenständigen Lernen zugeschickt bekommen und mir ein paar Touren zum Mitradeln ausgemacht – einfach um mir mal anzusehen, wie das alles überhaupt in Praxis abläuft.
Nach wie vor skeptisch, radelte ich also meine erste Tour mit. Dann meine zweite. Währenddessen arbeitete ich die mir zugeschickten Infos durch und recherchierte stundentagelang Hintergrundinformationen, um mich nicht mit kompletten Unwissen über Katalonien während meiner ersten eigenen Touren zu blamieren. Eine gefühlte Ewigkeit klickte ich mich also von einem Wikipedia-Artikel zum nächsten und irgendwann hatte ich dann tatsächlich das Gefühl, der Wissenskreis würde sich – zumindest irgendwie – schließen.
Bei der dritten Tour, die ich mitradeln sollte, hieß es dann plötzlich gleich bei meiner Ankunft: „Jenni, der deutsche Tourguide ist heute krank. Bist du bereit, einzuspringen?“.

Kurz und schmerzlos

Öhm…NEIN, war ich nicht. Überhaupt nicht. Aber da ich ja tief im Herzen noch immer die gleiche Streberin wie damals zu Schulzeiten war und bin, hatte ich zu diesem Zeitpunkt so gut wie alle abzuradelnden Sehenswürdigkeiten schon einmal durchgearbeitet gehabt und auch bei den anderen beiden Touren sehr aufmerksam zugehört. Die für diesen Tag geplante Tour mit 15 (!) Personen fiel oder stand also je nach meiner Entscheidung, sie zu machen oder nicht. Es war eine riesige Herausforderung und da ich von denen seit Beginn des Jahres eh nicht genug bekommen kann (ich weiß gerade selbst nicht, ob ich das sarkastisch meine), hab ich das Pflaster einfach sprichwörtlich abgerissen, seelisch vollkommen unvorbereitet. Kurz und schmerzlos.

Fahrräder

Okay, kurz war die Tour jetzt nicht. Drei Stunden soll die schon jedes Mal planmäßig dauern. Hat sie in dem Fall natürlich nicht, sondern – ja – länger. Schmerzlos war sie auch nicht ganz. Zumindest nicht für mich. Wenn dir bei der ersten Tour gleich eine Frau mittleren Alters vom Rad fällt und komplett blass am Radweg liegt, weil sie scheinbar nicht genug getrunken hatte, fragst du dich schon, wieso zum good googly moogly du dich auf das Ganze eigentlich eingelassen hast.
„Ansonsten“ lief die Tour aber recht gut. Bis auf mein Black-Out bei der Sagrada Família, wo ich von acht Türmen, welche die acht Apostel darstellen sollten, sprach #facepalm #humanmoment #justtryingtoberealwithyou. Oder als ich ein, zwei Runden mit meiner 15-köpfigen Gruppe im Kreis fuhr, weil ich die Route noch nicht haargenau intus hatte und somit mehrere Male falsch abbog. Was sie übrigens nicht mitbekommen haben. Just saying.
Die Tour war also alles andere als perfekt, aber sie war ein einziger Adrenalinrausch. Als wir es endlich wieder zum Shop zurück schafften (ja, auch auf dem Weg dorthin hab ich mich ein paar Mal verfahren), gab es sogar Trinkgeld. Von begeisterten Touristen. Saywhuuut? Es war unglaublich. Glücksgefühle und ein generelles Empfinden von „Was zur Hölle ist hier eigentlich gerade passiert?“ folgten auf den mehr als dreistündigen Prozess des Pflasterabreissens. Und ja, danach hab ich ganz aufgeregt und stolz meine Mama angerufen (Hallo, Mama!).

Eine Sozialstudie

Nach mittlerweile zwei Monaten als Tourguide habe ich nun schon echt einiges erlebt. Natürlich bin ich nach wie vor ein blutiger Anfänger im Vergleich zu manchen Kollegen, die schon seit mitunter sieben (!) Jahren dabei sind. Aber trotzdem … durchschnittlich drei Touren die Woche (mal mehr, mal weniger) bedeuten auch unzählige Erfahrungen und Begegnungen.

Touristen sind wirklich ein ganz eigenes Völkchen. Diese Menschen befinden sich nanonanet im Urlaub und folglich musst du als Tourguide wirklich auf alles für sie achten. Trotz einhergehender, dringlicher Warnung vor dem manchmal eher raudihaften Verkehr in Barcelona, schauen sie beispielsweise lieber in die Luft als auf die Straße. Du musst für sie also nicht nur auf den Verkehr achten, sondern auch bedenken, dass du regelmäßige Pausen einlegst und alle in guten Abständen ans Wassertrinken erinnerst. Natürlich muss meistens eine von ihnen – ja, Ladies, ich spreche von euch! – schon nach der ersten halbe Stunde aufs Klo, obwohl du vor Tourbeginn extra nochmal gefragt hast, ob eh alle waren. Es ist fast wie mit kleinen Kindern. Ein Babysitter auf zwei Rädern quasi. Und wenn du dann wirklich mal ein Kind dabei hast, kannst du sowieso davon ausgehen, dass sich alles um mindestens (!) eine halbe Stunde verzögert. Wobei man sich bittebittebitte niemals auf die vor dem Kind fahrenden Erwachsenen verlassen darf, auf die Ampelschaltung zu achten und folglich bei Rot stehenzubleiben. Ja, ich spreche aus Erfahrung und habe für diese Situation nur ein Wort: Drama. Das Mädchen, anhand welchem ich diese Lektion lernen durfte, ist zum Glück unverletzt, jedoch mit einem leicht-starken Schock davongekommen. Ja. Wie man vielleicht merkt … I could go on and on. And on.

Rant over.

Aber natürlich bitche ich hier nicht nur rum, sondern lege mein Augenmerk sehr wohl auch auf die schönen Seiten dieses Jobs. Denn ich muss zugeben, dass ich wirklich liebe, was ich tue.

Jenni on tour

Ja, ich trage einen Touriguide-Hut. #guiltyascharged #notashamed #maybealittle

Nicht nur kann ich durch den Job als Radtourguide (etwas) Geldverdienen mit einer meiner größten Leidenschaften, dem Radfahren, verbinden. Nein, ich komme auch mit den verschiedensten Menschen zusammen, habe je nach Gruppengröße – mal mehr, mal weniger – die Chance, großartige Individuen jeden Alters mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Geschichten kennenzulernen. Und genau dafür schlägt mein Herz einfach.
Am liebsten hab ich deswegen auch Privattouren – da funkt’s zwischen meinen Touris und mir einfach am einfachsten und schnellsten. Wenn es denn funkt. Denn auch das hatte ich schon ab und an: unmotivierte, genervte Menschen auf den Rädern hinter mir, die schon von Anfang an keine Lust gehabt zu scheinen haben. Was übrigens in der Regel vor allem zutrifft auf zur Radtour mit den Eltern gezwungene Teenager, aber auch von ihrem übermotivierten Chef angetriebene MitarbeiterInnen auf dem Betriebsurlaub.

Traumjob?

Es hat schon etwas Besonderes an sich, in Barcelona zu leben und zu arbeiten, also quasi dort, wo so viele andere ihren Urlaub machen. Insbesondere, wenn man im Bereich des Tourismus tätig ist. Es ist mir jedes Mal aufs Neue eine Freude, meine Gruppen zur Sagrada Família zu führen und ihre beeindruckten Gesichter zu sehen, wenn sie dieses noch immer nicht vollständige Meisterwerk von Kirche zum ersten Mal erblicken. Jedes Mal aufs Neue freue ich mich auf die überraschten Reaktionen, welche meist der Tatsache folgen, dass Barcelona bis zu den Olympischen Spielen im Jahre 1992 eigentlich als „Stadt mit dem Rücken zum Meer“ bekannt war (erst im Hinblick auf jene wurde nämlich der heute so bekannte über 5km lange Strand von Barceloneta aufgeschüttet). Jedes Mal aufs Neue erzähle ich die immer gleichen Geschichten und Witze an den immer gleichen Plätzen. Jedes Mal aufs Neue beantworte ich die immer gleichen Fragen … für manche mag sich das vielleicht öd anhören. Und manchmal ist es das auch, keine Frage.

Lenny the Dog

Vor kurzem hatte ich den Chillerhund Lenny auf einer meiner Touren dabei. Ich hab zwar drei Stunden lang im Sekundentakt nur “LENNY, SITZ!” gehört (und verstand dabei nicht selten “JENNI, SITZ!”), aber das war’s wert :)

Den Zauber dieser wunderschönen Stadt mit anderen Menschen zu teilen, die sich an ihr sichtlich mindestens so sehr erfreuen wie ich selbst noch vor einigen Monaten, als ich zum ersten Mal in ihren Bann gezogen wurde, erfüllt mich einfach mit Lebensglück, mit Sinn. Die Menschen auf meinen Touren sind im Urlaub, wollen Neues sehen, wollen aus ihrem 9-to-5-Alltag ausbrechen, suchen Inspiration, wollen wachsen, wollen lernen. Solch ein Umfeld lässt auch mich diese einzigartige Stadt jede Tour aufs Neue in einem anderen Licht sehen. Nach gut vier Monaten ist der Zauber, den Barna nach meiner Ankunft auf mich ausgeübt hat, natürlich nicht mehr so groß wie zu Anfang. Aber die rosarote Brille, die ich zu Anfang trug, setzen mir „meine“ Touristen bei jeder Tour aufs Neue auf. Insofern handelt es sich bei meinen Touren um ein wunderschönes Geben und Nehmen. Und genau darum geht es doch eigentlich im Leben.

Mein Traumjob für immer und ewig ist das Tour-Radeln sicher nicht, aber gibt es sowas wie den einen „Traumjob“ denn überhaupt? Für 95% der Menschen lautet die Antwort auf diese Frage wohl eher nein. Wenn überhaupt, dann gibt es in meinen Augen höchstens den „richtigen“ Job für den jeweiligen Lebensabschnitt. Aber vielleicht sag ich auch in fünf Jahren etwas ganz anderes. Mal sehen.

Wer suchet, der findet.

Es gibt sicherlich vieles, was an der Existenz eines Radtourguides zu beklagen wäre. Unanstrengend und frei von jeder Verantwortung ist anders. Aber man findet schließlich immer Mängel, wenn man nur den Fehler begeht, sie zu suchen.
Für jetzt freue ich mich also einfach weiterhin auf jede neue Tour, die ich zugeteilt bekomme, weil jede für sich ein neues Abenteuer für mich bedeutet. Und wenn ich dann einmal tatsächlich eine Grünphase mit der ganzen Gruppe am Weg von der Sagrada hinunter zum Arc de Triomf erwische, ist sowieso alles perfekt. Es sind die kleinen Freuden, Leute. 😉


Als deutschsprachiger Tourguide kann ich übrigens die Gesamtzahl an ÖsterreicherInnen bei meinen Touren erstaunlicherweise an nicht einmal ganz zwei Händen abzählen. Wo seid ihr denn alle?

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