Die Sache mit // dem Erwachsensein

Wenn man auf die Welt kommt, ist das Leben eigentlich nichts weiter als ein leeres Blatt Papier. Die leere erste Seite eines brandneuen Buches, eines neuen Abenteuers. Nur Herausgeber, Autor, Erscheinungsjahr und Verlag sind schon aufgedruckt, aber darauf achtet man beim Lesen doch normalerweise eh nicht so. Zumindest ich nicht.

Nun geht es also schon los. Als Säugling ist’s logischerweise schwierig, die Einleitung selbst zu schreiben. Man ist auf das Wohlwollen des bzw. der Autoren angewiesen; tut, was einem wortwörtlich vorgeschrieben wird; fühlt, was man laut dem vorgegebenen Handlungsstrang fühlen soll – wird quasi zurechtgewiesen, einen gewissen Charakter zu spielen. Und fühlt sich schuldig, wenn es einem dann doch nicht gelingt.
Für manche wird ungefragt schon das ganze Leben konzipiert; die einzelnen strikt aufeinander abgestimmten Kapitel haben genau so gelebt zu werden wie es eben im Buche steht. Um den Autoren zufrieden zu stimmen versteht sich. Je weiter man beim Lesen Leben dann fortschreitet, fängt man früher oder später damit an, das Geschriebene vielleicht in Frage zu stellen, ganze Handlungsstränge auszulassen, wenn nicht gleich gar wegzustreichen. Wenn man richtig mutig ist, reißt man ganze Seiten einfach aus dem Buch oder – etwas moderater – ändert erstmal die Reihenfolge der Kapitel und beginnt schließlich, neue zu konzipieren. Kurz: man wird sein eigener Autor, nimmt plötzlich selbst den Stift in die Hand.

Leicht ist das auf keinen Fall. Die meisten mögen sich zwar genau das – bewusst oder unbewusst – wünschen, aber entscheidet man letztendlich wirklich selbst, in welche Richtung sein Leben gehen soll, fühlt sich das zumindest zu Beginn wohl am allermeisten so an, als hätte man wie ein Hund sein Herrchen verloren und würde plötzlich mit der eigenen Leine im Maul durch die große weite Welt irren. Wo wir auch schon beim nächsten Sinnbild wären.

Früher dachte ich einmal wirklich, dass ich eines Tages so richtig „erwachsen“, ausgeglichen und zufrieden sein, besser: „es“ verstehen würde. Wenn ich erstmal meine Matura hätte, mein Studium abgeschlossen, zehn Kilo abgenommen, den Traumjob sowie -mann gefunden hätte. Ich müsse nur hart genug arbeiten, immer mehr geben – „ich schaff das schon“ waren die Worte, mit denen ich mich immer selbst am Ball gehalten habe. Again: wie ein Hund bin ich sofort losgelaufen, wenn man mir eben diesen Ball des Glücks hinwarf – selbst, wenn es diesen gar nicht gab und man mich nur bei Laune halten wollte. Stets diesem mir scheinbar so fernen Glück nachjagend. Und dachte ich dann einmal törichterweise wirklich, ich hätte es endlich gefunden, es geschafft, wäre angekommen, dann ist es mir auch jedes Mal sogleich wieder durch die Finger geronnen. Fuck you very much.

Nicht, dass ich es für unmöglich halte, glücklich und zufrieden zu sein. Ganz und gar nicht. Aber ich habe einfach endlich verstanden, dass es so etwas wie den Erwachsenen auf dieser Welt schlichtweg nicht gibt. Die tun doch alle nur so.

Sobald wir beginnen, unsere Geschichte aktiv selbst zu schreiben, haben wir die Wahl: Entweder wir orientieren uns an unserer Vorgeschichte, was – keine Frage – oft Sinn macht. Insbesondere, wenn man ohnehin schon recht zufrieden zu sein meint. Oder man beginnt eben, ein komplett neues Buch zu schreiben.
Sicher – beide Varianten sind anspruchsvoll, eine Herausforderung und oft – excuse my language – scheiße. Aber gleichzeitig sehr wohl auch großartig. Und doch empfinde ich es als den schwierigeren Schritt, das Zepter komplett selbst in die Hand zu nehmen.

Es ist meiner Meinung nach ein Irrglaube, zu denken, wir wären nur die Summe unserer bisherigen Kapitel, unserer bisherigen Erfahrungen, und hätten wir einmal einen bestimmten Weg eingeschlagen, wäre es zu spät, neu anzufangen, um seine Geschichte doch wieder neuzuschreiben. Nichts an uns ist in Stein gemeißelt. Wir haben es schon komplett selbst in der Hand, wohin es gehen soll, wer wir sind, wer wir sein werden. Es geht einfach darum, alles zu vergessen, was man über das Leben zu wissen glaubt (okay, vielleicht nicht ganz alles). Und zu verstehen, dass wir alle im Herzen, im tiefsten Innern Kinder sind. Kinder, die aus verschiedenen Romanen stammen, von verschiedenen Autoren und Handlungssträngen geformt wurden. Manche von uns haben nur eben schon mehr Jahre auf dem Buckel als andere. Auf Basis dessen so zu tun, als wären nun die einen mehr wert als die anderen, hätten beispielsweise mehr Respekt als andere verdient, seien womöglich sogar sogenannte „Autoritätspersonen“, ist nicht nur falsch, sondern in meinen Augen vor allem auch stinkfaul. Und vielleicht sogar ein bisschen egozentrisch. Klar ist es leichter, in Schubladen zu denken.

Der Wert einer Person hat nichts mit deren Alter, Herkunft, Geschlecht, Job oder Bildungsstatus zu tun. Nein, der Wert eines jeden Einzelnen ist vielmehr so selbstverständlich von Geburt an gegeben, dass man ihn in den meisten Fällen gar nicht mehr am Anfang der jeweiligen Geschichte schriftlich festhält. Nur leider vergessen ihn die meisten eben genau deswegen. Und verhalten sich zunehmend so, als lebten sie komplett isoliert von ihren Mitmenschen auf dieser Erde, als würde sich die Welt nur um sie drehen. Hören wir bitte auf, uns etwas vorzumachen; den „leichten“ Weg zu gehen.

Niemand hat je behauptet, es wäre einfach, selbst ein Buch zu schreiben. Aber genau das hat dann doch eine andere Qualität, als einfach nur die nächste 08/15-Geschichte zu lesen – oder gar schlimmer: selbst zu leben.

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