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Die Sache mit // der Depression

(English version here)

Der Sommer 2015 wird für mich wohl für immer unter dem Beinamen „die große Depression“ abgespeichert sein. Viel Zeit ist seither vergangen, viel ist passiert. Oft habe ich mit einem Text über genau dieses Thema geliebäugelt. Oft habe ich nach kürzester Zeit wieder aufgegeben. Ich fühlte mich nicht bereit, darüber zu schreiben. Vielleicht bin ich es noch immer nicht ganz. Aber ich habe definitiv einige Dinge verstanden, über die ich mich lange, wirklich lange stets gewundert habe, seit ich auf dem Weg der Besserung bin.

In besagtem Sommer befand ich mich inmitten der schlimmsten Depression meines noch so jungen Lebens. Denn ja, da gab es schon mehrere. 25 bin ich übrigens vor drei Monaten geworden. Nur so nebenbei.

Dieser Sommer toppte alles, was ich bisher an depressiven Phasen erlebt hatte: Ich lebte Stunde um Stunde, Tag um Tag. Ständig am Verhandeln mit mir selbst. Ob ich es denn wirklich noch weiter aushalten könne. Ob es das denn wirklich wert sei. Nichts machte mehr Sinn. Es gab absolut nichts mehr, an dem ich mich noch erfreuen konnte. Mein Körper schmerzte, meine Seele brannte. Ich lag den ganzen Tag im Bett, weinte, schwieg, starrte an die Decke, Panikattacke um Panikattacke, und überlegte, wie ich diese mir so jämmerlich und sinnfrei erscheinende Existenz auch nur eine kurze Stunde weiter für mich selbst rechtfertigen könnte. Alltägliche Dinge wie Essen, Trinken, Duschen, sich Anziehen und auch wieder Ausziehen (sollte ich es überhaupt zu Ersterem geschafft haben) waren Dinge der Unmöglichkeit, Tätigkeiten, die ich oft nur mit sehr viel Aufwand und Überredungskunst meines Umfeldes zu Stande brachte. Kurz: Ich hatte es schlichtweg verlernt, zu leben.

Nachdem ich mich wochenlang wehrte, die mir aufgrund meines kritischen Zustands von sämtlichen Kanälen dringlichst angeratenen Medikamente – ja, es geht hier um Antidepressiva – zu nehmen, wurde es irgendwann einfach … ernst. In Ermangelung eines passenderen Wortes. Ernst war es nämlich wirklich. Ich habe es wirklich wirklich wirklich ohne probiert. Weil … „Antidepressiva? Also bitte!“ … und so (sic!). Aber die eben genannten Wochen fühlten sich einfach an wie Jahre. Aussichtslose Jahre ohne Licht am Ende des Tunnels.

Irgendwann war es dann so weit. Ich war bereit. Zugegebenermaßen handelte es sich hierbei um nicht viel länger als vielleicht drei Wochen. Drei lange, schwere Wochen, in denen ich mich wehrte, das schon längst daheim liegende Rezept in der Apotheke einzulösen. Irgendwann gab es jedoch einfach nichts mehr, was ich nicht ausprobiert hätte. Meine Situation wurde einfach nicht besser. Ich war am Ende meines Natur-Heilpflanzen-Alphabets angelangt.

Also tat ich es. Ich schluckte die erste halbe Tablette, die zweite, die dritte. Bis ich irgendwann auf eine ganze aufstockte und bei eben dieser Dosis erstmal verblieb. Und zwar länger als ich dachte. Aber dazu später mehr.

Am Anfang war ich skeptisch. Würde das überhaupt etwas bringen? Würde ich ich selbst bleiben? Seelisch abstumpfen? Gar zunehmen? Oioioioioi! So viel hört man ja schließlich ständig über all die Nebenwirkungen der verschiedensten Antidepressiva. So viel Stigma hat sich rundherum aufgebaut.

Nach einer zweiwöchigen Einstellungsphase konnte ich aber letztlich wirklich einen Unterschied spüren. Ich konnte langsam wieder schlafen, wieder essen. Und am besten: die mich ständig begleitende Panik ließ endlich nach. Nach und nach. Es wurde leichter. Mit jedem einzelnen Tag wurde es um ein kleines bisschen einfacher. Schritt für Schritt verstand ich es wieder zu genießen, mich zu freuen, zu lächeln … zu leben. Dinge, die mir zuvor schlicht komplett fremd geworden waren.
Auch wurde ich endlich offener, gewisse Themen, die zu meinem damaligen Zustand beigetragen haben, endlich mit meiner Therapeutin zu besprechen. Die war nämlich zum Glück die ganze Zeit über an meiner Seite. Wir hatten es definitiv nicht einfach miteinander in der Phase, in welcher ich die Tabletten noch nicht genommen hatte. Ich habe mich einfach gewehrt, über gewisse, sehr wichtige Dinge offen und ehrlich zu sprechen. Ich war schlichtweg in meiner eigenen Welt. Wollte Hilfe, aber habe sie eben lange nicht angenommen.

Ich muss ehrlich sagen, dass es noch immer schwierig ist – zumindest jetzt gerade, in diesem Moment –, über diese Phase meines Lebens nachzudenken. Ich erinnere mich an diese Zeit noch genau so, als wäre es gestern gewesen.

Mit der Zeit spürte ich wieder eine tiefe Freude und Dankbarkeit in mir wachsen. Ich bewegte mich täglich, fand einen neuen Job, war viel draußen. Ich radelte durchs Grüne, meditierte unter Tränen am Donauufer, verschlang ein spirituelles Selbsthilfebuch nach dem anderen. Ich fand wieder Freude an Sport, an Natur, am Lesen, am Schreiben. Ich genoss es, neue Freund- und Bekanntschaften zu schließen und gleichzeitig alte zu pflegen. Ich begann wieder, nach vorne zu blicken, mir kleine Ziele zu stecken, auf meinen Blog hinzuarbeiten. Es lässt sich durchaus sagen, dass genau letzteres Projekt stets mein Anker an schwereren Tagen während meines Besserungsprozesses war … und auch noch immer ist.

Vielleicht fragt sich der ein oder die andere LeserIn jetzt, was ich mit diesem Text eigentlich bewirken möchte. Diejenigen, die mein schreiberisches Tun auf diesem Medium schon länger verfolgen und/oder mich persönlich kennen (und das sind wohl die meisten hier haha), wissen, wie sehr es mir am Herzen liegt, offen und ehrlich miteinander zu sein. Insbesondere, wenn es um schwierige, oft beängstigend persönliche Themen geht. Themen, die nach wie vor ein Stigma mit sich tragen und ein gewisses Tabu in der heutigen Gesellschaft darstellen. Themen wie eben Depression und Antidepressiva. Wenn ich also eines mit diesen Zeilen erreichen möchte, dann ist das, anhand meines persönlichen Beispiels einen offenen, vorurteilsfreien Dialog über Mental Health anzuregen bzw. an einem solchen beizutragen.

Nach wie vor verbinden wir mit psychischen Krankheiten oft Schwäche. Machen uns in alltäglichen Situationen mittels Aussagen wie beispielsweise „der ist doch bipolar“ oder „ich krieg gleich eine Panikattacke“ schon fast lustig über gewisse Krankheitsbilder. Ohne es überhaupt noch mitzubekommen oder gar zu wollen. Unterbewusst prägen sich solche Sätze jedoch stark bei uns ein, sodass wir uns letztlich schämen oder weniger wert fühlen, sollten wir uns eines Tages selbst in einer solchen Situation wiederfinden. Sodass wir uns schließlich selbst dringend benötigte Hilfe verwehren, weil „das ja nur anderen passiert“, „mir doch nicht“, „Antidepressiva brauch ich nicht“ … ja, diese Gedanken kenne ich nur zu gut.

Mehr als ein Jahr nahm ich also täglich Antidepressiva. Nie hätte ich damals gedacht, dass ich sie so lange Tag ein, Tag aus schlucken würde. Hab ich doch damals mit mir ausgemacht, dass ich sie sobald wie möglich wieder absetzen würde und das Ganze ja nur ein Selbstversuch sei etc. etc. blablabla.

Nun konnte ich aber erst durch die Wirkung der Tabletten langsam wieder damit anfangen, für mich sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Gewisse Bereiche in meinem Leben sowie auch meine verschiedensten Ansichten zu überdenken. Ich konnte wieder atmen. Und spüre bis zum heutigen Tag eine wahnsinnige Dankbarkeit für diese schwierige, aber mehr als lehrreiche Erfahrung.

Ich will mit diesen Zeilen sicher nicht jedem, der gerade eine schwierige Phase durchmacht, einreden, er hätte eine Depression und/oder müsste sofort mit medikamentöser Therapie beginnen. Ganz sicher nicht. Was mir aber wirklich am Herzen liegt, ist, dass wir gesellschaftliche Konzepte und Grundeinstellung niemals unhinterfragt lassen. Dass wir uns Hilfe suchen, uns helfen lassen, wenn nichts mehr zu gehen scheint. Dass wir miteinander reden. Ohne Stigma. Ohne Vorurteile.

Ohne die Antidepressiva hätte ich letztes Jahr bei all dem Lärm da oben in meinem Kopf wohl erst viel später, wenn überhaupt, einen klaren Gedanken fassen können. Ohne die Medikation wäre ich heute vielleicht gar nicht mehr da.

Was ich aber ganz sicher weiß: Ohne diese Episode wäre ich heute auch nicht der starke, ehrliche, mutige Mensch, der ich bin. Ohne diese Episode hätte ich es wohl erst viel später gelernt, mich selbst zu lieben.

Vor einigen Wochen habe ich die Tabletten nun komplett abgesetzt. Nach einer mehrmonatigen Phase, in der ich die Dosis reduziert habe, um zu sehen, wie es mir geht.
Ingesamt mehr als ein Jahr begleiteten mich Antidepressiva also Tag für Tag. Anfangs habe ich mich wie bereits erwähnt noch gegen sie gewehrt. Als ich aber schließlich bereit war, den nächsten Schritt zu gehen, setzte ihre Wirkung wirklich schnell ein. Und genauso wie ich spürte, dass es Zeit war, sie zu nehmen, spürte ich irgendwann auch, dass die Zeit gekommen war, um langsam die Dosis zu reduzieren.

Ich werde hier jetzt aber auch nichts schönreden. Es war eine große Entscheidung für mich, die Tabletten abzusetzen. Insbesondere in einer Phase meines Lebens, in der gerade viele Umstände zusammengekommen sind, die mich definitiv auf die Probe stellten. Tag ein, Tag aus. Aber ich habe diese Herausforderung bewusst angenommen, weil ich für jetzt gespürt habe, was ansteht. Weil ich mich wieder ganz roh – ohne Tabletten – selbst kennenlernen möchte.

Jeder, der durch einen ähnlichen, aber seinen ganz persönlichen Weg geht, möchte ganz genau darauf hören, was seine Intuition und sein Gefühl ihm sagt. Und darüber mit seinem engsten Umfeld sowie einem Psychotherapeuten und/oder Psychiater sprechen. Du bist nicht alleine. Die Hilfe ist da draußen, ich verspreche es dir.

Und wenn mir meine Depression letztlich eines beigebracht hat, dann ist das folgendes: dass selbst die dunkelsten Stunden, die längsten Tage, der größte Schmerz irgendwann an ihr Ende gelangen.

Nur aufgeben darf man eben nicht an diesen dunklen Tagen.

Das Leben ist ein ständiger Wechsel. Und es bringt absolut Null, sich dagegen zu wehren. Ich kann mich nur wiederholen.

Lange habe ich wie gesagt überlegt, ob und wie ich diese sehr persönlichen Zeilen mit der Öffentlichkeit teilen soll. Mit ihnen in dieser Woche den ersten Geburtstag meines Blogs zu begehen, fühlte sich letztlich als das einzig Richtige an. Ich will niemandem etwas vormachen, sondern authentisch sein. Das war immerhin die Grundidee dieses Projekts.

Ich möchte nie vergessen, wie ich mich damals gefühlt habe. Wie hart ich jeden Tag aufs Neue gekämpft, für mich selbst eingestanden habe. Meinem schlimmsten Feind würde ich nicht wünschen, das durchmachen zu müssen. Ich wäre heute jedoch auch nicht da, wo ich bin, würde nicht das Leben führen, für welches ich Tag für Tag dankbar bin, hätte ich nicht im besagten Sommer 2015 diese schwere Phase durchlebt. Und schon alleine deswegen möchte ich auch gar nicht vergessen. Damit ich nie aufhöre, dankbar zu sein. Und weiterhin jeden neuen Tag als Geschenk erlebe.

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