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BCN // Hysterische Geliebte

[Text verfasst am 26. März 2017]

Ich weiß nicht mal, welches Datum wir heute haben. Die Uhrzeit fühlt sich nach der Zeitumstellung gestern Nacht sowieso falsch an. Ich will gar nicht erst anfangen, nachzurechnen, wie spät es doch gestern noch um diese Uhrzeit war. Und wie spät es jetzt doch eigentlich „wirklich“ sei. Geht die Uhr nun vor? Geht sie nach? Ich hab jährlich – logisch – zwei mal das Problem, dass ich mir das einfach nicht so ganz merke. Wie auch immer.

Ich sitze hier gerade auf halber Höhe des Montjuïc und arbeite tüchtig am Nackensonnenbrand von morgen – so sehr prallt die Sonne hier schon Ende März runter. Nachdem ich mich kurz erschreckt habe, weil ich schon wieder vergessen habe, mich einzuschmieren, ist es mir auch schon wieder egal. In nur acht Tagen jährt sich meine Ankunft in Barcelona zum ersten Mal. War das jetzt wirklich ein ganzes Jahr?

Die Möwen ziehen über meinem Kopf hinweg, die Papageien zwitschern in den Bäumen, welche gerade erst zu blühen begonnen haben. Das Grün der Blätter ist noch so richtig giftig. In nur wenigen Wochen wird man all die Äste und Vogelnester nicht mehr sehen können vor lauter sattgrüner, reif gewachsener Blätter. So hat es sich mit der Blütezeit – kaum beginnt sie, schon ist sie auch quasi wieder vom Sommer abgelöst. Viel zu kurz dauert er meiner Meinung nach, der Lenz.

Das barcelonesische Stadtbild liegt wie ein riesiges Gemälde vor mir. Direkt gegenüber ziehen ein paar schwer anmutende, aber doch schüchterne Wolken über den mir entgegenblickenden Tibidabo hinweg. Ich folge der Silhouette der Berge mit meinen Augen von links nach rechts, auf und ab, bis ich letzlich ganz rechts ans Meer stoße. Genau dort springt mir auch schon ein etwa 60 Meter in die Höhe ragender Christopher Columbos ins Bild; jene Statue, welche extra für die erste in Barcelona stattfindende Weltausstellung im Jahre 1888 aufgestellt wurde. Rein theoretisch sollte er dort oben stehen und gen Amerika zeigen (die Statue sollte für seine „ruhmreichen“ Entdeckungsfahrten stehen). Das Problem ist nur, dass er nun de facto fälschlicherweise Richtung Algerien zeigt. Hierfür gibt es die verschiedensten Erklärungsversuche. Die einen meinen, man hätte sich mit dem Winkel vertan und es erst gemerkt, als man nichts mehr ändern hätte können. Andere wiederum behaupten, die falsche Ausrichtung wäre Absicht gewesen, da „Colón“, wie er hier in Spanien heißt, sonst sämtliche über den Seeweg anreisende Besucher des Expo mit dem Allerwertesten begrüßt hätte. Wie dem auch sei.

Mein Leben hier hat sich sehr entschleunigt, seit ich mir letzte Woche erneut den Knöchel angeknackst habe (diesmal den rechten – es soll ja interessant bleiben!). Eine Woche Krankenstand, Bein hochlagern, alle paar Stunden ordentlich kühlen und ja nicht zu viel bewegen, haben sie mir im Spital gesagt. Nach einer recht stressigen Zeit scheinbar ein Signal meines Körpers, mal wieder eine Pause einzulegen. Um hineinzuhören, hineinzuspüren. Im letzten Jahr hat sich schließlich auch nicht wenig bei mir getan. Es ist verrückt, heute an meine ersten paar Monate spanisches Abenteuer von vor einem Jahr zu denken. Wie anders alles war. Nichts tun „müssen“, außer Spanisch lernen und einfach nur genießen. Eine Phase, so frei, so magisch, so lastfrei, wie ich es wohl das letzte Mal als Kind erfahren durfte.

Ab und an ragt vereinzelt das ein oder andere Hochhaus in die Luft in einem sonst eher ebenmäßig erscheinenden Stadtbild. Und dann bleibe ich wie immer mit dem Blick bei der Sagrada Família hängen. Dieser Bau, egal ob nah oder fern, lässt mich einfach jedes Mal, wenn ich ihn erblicke, in Ehrfurcht erstarren. Sollte sie jemals fertig werden, wird die Sagrada die höchste Kirche der Welt sein wird. Laut Plan passiert dies übrigens 2026, zum hundertjährigen Todestag von Gaudí. Mal schauen.
Seit Tag eins unserer Bekanntschaft, nein, Freundschaft, hatte die Basílica mein Herz erobert. Tag für Tag besuchte ich sie im Sommer auf meinen Radtouren. Seit ich saisonbedingt Fahrrad- gegen Bürosessel getauscht habe, sehe ich sie eigentlich nur noch von Aussichtspunkten wie diesem hier aus. Oder wenn ich am Weg zur Arbeit auf dem Rad direkt bei der Plaça de les Glòries Catalanes kurz stoppe, mich nach hinten drehe und sie einfach in ihrer vollen Pracht bestaune. In der Regel spreche ich ihr auch noch in Gedanken ein paar persönliche Worte zu, bevor ich wieder in die Pedale treten muss, vorbei am Torre Agbar, direkt hinein in den Bürodschungel. Aus der Kirche bin ich zwar diesen Monat erst ausgetreten – der religiös anmutenden Charakter dieses Rituals lässt mich dann aber doch kurz auflachen.

Die Möwen sprechen über mir so laut miteinander, dass ich fast meine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann. Wenigstens lässt mich der kleine Aufruhr über mir aber wieder zu meinem ursprünglichen Gedankenzug kommen. Hoffe ich.

Ich blicke von Monument zu Monument. Die Kirche Sagrat Cor am Tibidabo, welche umringt von einer Art Unterhaltungspark ist (nicht so empfehlenswert). Die Sagrada – weil man sie einfach nicht oft genug nennen kann (schon empfehlenswert). Die sogenannten „Twin Towers“ von Barcelona – das heutige Arts Hotel und der Mapfre Turm direkt am Port Olímpic, welche nichts gemeinsam haben als ihre Höhe und dass beide als Hotel für die Olympischen Spiele 1992 dienen sollten (jedoch nur eines von beiden Gebäuden rechtzeitig fertig gestellt werden konnte #spain). Port Vell – der alte Hafen. Und da ist er wieder – der umstrittene Colón.

Sehe ich mir die sich vor mir ausbreitende Stadt wieder etwas mehr von der Makroebene aus an, sehe ich direkt vor mir die Bezirke Poble Sec, Sant Antoni, Raval – drei gleich aneinander liegende Bezirke, die für mich von Woche Eins an Zuhause waren. Weiter links – Sants, weiter rechts – El Gótico, El Born. Ganz drüben erahne ich Gracia. Und am Meer ganz rechts – Barceloneta. Ach und dort, wo ein nachts blau-leuchtender Penis – ich spreche hier vom Torre Agbar – in den Himmel ragt, breitet sich das ehemalige Industriegebiet und nach wie vor im Vergleich zum Rest von Barcelona sehr katalonisch anmaßende Poble Nou aus, wo ich auch arbeite.

Ich mag nach fast einem Jahr noch lange nicht jeden Winkel, jedes Gässchen dieser Stadt kennen. Aber sehr wohl blicke ich gerade auf sie hinab und verspüre eine ungeheure Verbundenheit zu diesem Fleck Erde. Daran mag wohl das monatelange Tourengeben die größte „Schuld“ haben. Eine kleine Geschichte finde ich jedoch wohl zu noch jeder gröberen Ecke – sei es eine persönliche Erinnerung oder eine historische Anekdote. Über Wien weiß ich nebenbei im Ansatz nicht so viel wie über Barcelona.

Über die letzten zwölf Monate ist diese Stadt schlicht meine Vertraute geworden, meine Freundin, … meine hysterische Geliebte. Und doch ist sie niemals wirklich mein. Ich jedoch bin ihr mehr als nur treu ergeben. Auf ins nächste Jahr.

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