Ein Wintergarten in Barcelona

BCN // Ein Wintergarten in Barcelona

[Post verfasst am 9.2.2016]

Gestern war schon ein witziger Abend. Der vierte Abend in Barcelona, der dritte, an dem wir weg waren. Wir saßen wieder kollektiv bei Sancho. Es gab Bier, Wein und Gras. Die Öfen wurden quasi wie am Fließband gewuzelt und machten eifrig die Runde. Die Stimmung wurde mit jedem Schluck, jedem Zug entspannter, lauter. Anscheinend ein ganz normaler Montag Abend in Barcelona.

Die Wände im Esszimmer dieser 7er-WG, welches eigentlich ein Wintergarten war, waren tapeziert mit alten Zeitungen aus der ganzen Welt, in allen erdenklichen Sprachen. Hat definitiv was hergemacht. Alles etwas abgefuckt und doch so, dass es passt, Style hat; einlädt, noch mehr zu trinken, noch mehr zu entdecken.

Zu acht saßen wir also in diesem Wintergarten, an einem großen Esstisch, unterhielten uns, lachten, tranken, rauchten. Und ich kam nicht darum rum, mir die Szene aus einer individuellen Perspektive eines jeden Einzelnen anzusehen. Als Neuling in dieser sich offensichtlich bereits gut miteinander eingelebten Partie ist es mir auch relativ leicht gefallen, mich auszuklinken und einfach nur zu beobachten. My favorite pastime.

Da wurde zum einen teils Spanisch, teils Italienisch, zum anderen teils Deutsch, teils Englisch gesprochen. Jede Sprache entwickelte ihr Eigenleben, es war fast so, als befände man sich in verschiedenen Räumen, auf unterschiedlichen Ebenen, abgesichert durch eine sich dann doch immer wieder verwischende Sprachbarriere mit Englisch als konstantem Katalisator zwischen den beiden anderen Sprachen.

Am einen Kopf des Tisches saß ein wahrscheinlich Mitte 40-Jähriger Kubaner namens Juanjose, der sich eher etwas teilnahmslos, wahrscheinlich einfach Gesellschaft suchend, zu den anderen Mitt-Zwanzigern gesellte, ständig in sein MacBook starrte und die ganze Szene mit Songs von Adele bis hin zu irgendwelchen spanischen Klassikern untermalte. Bei Anspielen der letzteren ging die Stimmung aller Anwesenden übrigens ausnahmslos jedes Mal um ein mir schleierhaft Vielfaches nach oben. Plötzlich erleuchteten selbst die müdesten Gesichter und die dazugehörenden Körper bewegten sich fast wie von alleine. Es war so, als wäre bei all den Anwesenden aus Mexiko, Italien – ja, sogar aus Frankreich und Österreich – der Latino-Schalter umgeknipst worden: Hände wurden in die Luft geworfen, Wort für Wort mitgesungen. Andere Länder, andere Sitten? Schon.
Die meiste Zeit hatte Juanjose Kopfhörer in den Ohren, war in seiner ganz eigenen Welt, bewegte sich zu seiner Musik, grinste, rauchte. Obwohl er eigentlich extra betont hatte, er hätte das Rauchen momentan aufgegeben. Gilt wahrscheinlich nicht für Gras. Auch gut. Mir sollte es recht sein.

Rechts von ihm saß Sancho, 25, aus Mexiko, meist eine Mischung aus Spanisch, Englisch und Deutsch brabbelnd, ständig am Lachen; nippte an seinem Bier, voll dabei. Und doch merkte man, dass seine feiertechnischen Energiereserven nach dem vierten Abend in Folge dann doch langsam aufgebraucht waren. Seine Augen waren müde, sein Lachen nicht ganz so euphorisch wie die Tage zuvor.

An meinem ersten Abend in Barcelona, als ich Sancho kennenlernte … ja, da erlebte ich ihn ohne Frage in seinem Element: sobald zuhause die ersten paar Runden Longdrinks gekippt waren und spätestens als wir die schwule Arena betraten – der Club hieß wirklich so: „Arena“ – wurde er wie von selbst um gute fünf Zentimeter größer, begann wie wild die Brust zum Beat nach oben zu pumpen, und – was mich am meisten faszinierte – scannte animalisch die Menge auf der Suche nach der nächsten Beute. Da schoss das Testosteron (offensichtlich nicht nur seinerseits) durch die Decke und ich fühlte mich so, als wäre ich in der Wildnis angelangt. Es wurde aneinander gerochen, gerieben, miteinander geliebäugelt, Körperflüssigkeiten ausgetauscht. So viel Einsatz hab ich in einem „Hetero-Club“ selten bis nie erlebt.
Nach dieser regelrechten Feldforschung meinerseits war mir klar: Sancho weiß, was er tut, was er will und wie er es bekommt. Und zwar dann, wann er es will. Ob und mit wem er an diesem Abend nach Hause gegangen ist, weiß ich dann aber leider doch nicht. An seinen Skills hab ich allerdings nicht mehr gezweifelt nach diesem Abend.

So lernte ich Sancho also kennen – on fire. Ja, ich war fast ein bisschen enttäuscht gestern, als er offenbar mal eine kleine Pause brauchte. Ich konnte zugegebenermaßen nicht genug davon kriegen, ihm auf der Jagd zuzusehen. Er hatte es sich aber nicht nehmen lassen, trotzdem auf ein paar Bier mit uns beisammen zu sitzen. Hätte ich wahrscheinlich während meinem vierten Kater in Folge nicht gemacht. Oder eher: nicht geschafft.

Okay, okay, weiter in der Runde. Die aufgeweckte Französin Celine, Anfang Zwanzig, die gerade von einem einmonatigen New York-Aufenthalt zurückgekehrt war. Und trotz Jetlag durchpushte, großzügig ihr Gras teilte, rauchte, gute Stimmung verbreitete. Auch ihr sah man die Müdigkeit logischerweise an. Und doch war da sehr viel Freude, Energie, die sich auf die Gruppe abfärbte.

Neben Celine saß der müde Piero (ja, die allgemeine Müdigkeit an diesem Abend ließ sich nicht abstreiten). Piero, ebenso Mitte Zwanzig, aus Italien, befand sich am – so betont er stark – bitteren Ende seines Erasmus-Semesters. Er hatte nur noch wenige Tage in Barcelona, bevor er zurück nach Hause, zurück ins echte Leben musste. In den fünf Tagen, die ich bei meiner Freundin Julia zu Besuch war, sah ich ihn so gut wie täglich (ja, wir waren wie gesagt viel aus). Und er war quasi immer dabei. FOMO und so, I guess. Oder auch einfach nur die Absicht, die letzten Tage so gut wie nur geht auszunutzen.
Schon am ersten Abend erzählte er mir nämlich, dass diese paar Monate in Barcelona wohl zu den besten seines noch so kurzen Lebens gehörten und dass er einfach nicht fassen könne, tatsächlich wieder nach Italien zu „müssen“. Mit seinem sehr jungenhaften Gesicht, den immer sehr zerzaust-verschlafenen Haaren – in a good way – und seinem süß-verschmitzten Lächeln bezauberte er ohne großen Aufwand im Minutentakt sein Umfeld, mich eingeschlossen. Ständig war er am Flüstern und Rauchen mit Celine – sie befanden sich klar in ihrem eigenen kleinen Kosmos.

Dann waren da außer mir noch Julia und Dante. Beide wechselten am Tisch ständig Platz, unterhielten sich mal hier, mal da, mal auf Englisch, mal auf Spanisch. Julia sprach zwischendurch immer wieder mal auf Deutsch mit mir und Sancho. Es war wie bereits erwähnt ein sprachliches El Dorado. Vorausgesetzt natürlich man sprach alle vorherrschenden Sprachen. Was ich nicht tat. Ohne Spanisch ging mit manchen Teilnehmenden nicht so viel leider. Definitiv ein kleiner Reality Check an mich selbst. Bis jetzt bin ich mit meinem Englisch nämlich wirklich immer problemfrei durchs Leben gekommen. Bis ich in Barcelona landete. Hola! Challenge accepted!

So saß ich also da, aufgrund der „Sprachbarriere“ nur an gut siebzig Prozent des Geschehens überhaupt aktiv teilnehmen könnend, und entschied, mich zu hundert Prozent passiv zu verhalten. Ich beobachtete das Treiben, das Miteinander, das Ohneeinander der anderen Anwesenden. Ich genoss die Melodien der verschiedenen Sprachen im Raum. Ließ meine Augen schweifen. Reiz nach Reiz zog es sie in eine komplett neue Richtung. Ich erinnere mich an die Rauchschwaden, welche sich an die Decke des Raumes zogen und sich dort ansammelten. Das Licht wurde mit jedem Zug trüber. Ich erinnere mich an die verschiedenen Zeitungsartikel an den Wänden und meine Versuche, das Kyrillisch, welches ich ab und an in den Schlagzeilen entdeckte, zu entziffern.

Nach einer Weile brachen alle bis auf Sancho und Juanjose auf, um tanzen zu gehen. Barcelona mag zwar eine Partystadt sein, aber auch hier war montags nicht die Hölle los. Was unserer Tanzlaune keinen Abbruch tat. Piero und Celina verloren wir ziemlich bald am Hip Hop Floor; im Indie und Alternative Sektor waren Dante, Julia und ich schließlich drei von insgesamt wohl nicht mehr als sieben sehr angedudelten Verrückten auf der Tanzfläche. Es war großartig. Heiß. Laut. Flüssig. Kurz: wir hatten unseren Spaß.
Als das Licht letztendlich anging, ließ sich Julia dann doch überreden, den Heimweg anzutreten. Kurz vor unserem Aufbruch kippte sie wohl ein, zwei Biere zu viel – dementsprechend war der Spaziergang Richtung ihrer Wohnung eine kleine Herausforderung für Dante und mich. Sie war voller Energie und wollte uns mitten in der Nacht noch hier einen ihrer Lieblingsplätze, da ein Denkmal zeigen.
Mein Magen knurrte, ich war bereits komplett nüchtern und todmüde. Ich spürte meinen ganzen Körper, jedes Glied, jede Faser, als wir mit vielen Umwegen durch das nächtliche Barcelona trotteten. Julia war nach wie vor nicht zu stoppen. Dante und ich tauschten schon verschwörerische Blicke aus, überlegten uns, wie wir unsere betrunkene Freundin am besten nach Hause lotsen würden. Auch hier entschloss ich mich aus der Hilfslosigkeit heraus aber letztlich für Passivität. Sollte Dante nur machen.

Es war der vierte Tag in einer mir bis vor kurzem noch komplett fremden Stadt und ich war wie verzaubert. Unser Heimweg glich einem Filmset; einem Irrgarten, in welchem jede alte, enge Gasse der nächsten zum Verwechseln ähnelte. Die vollen Müllsäcke standen auf der menschenleeren Straße. Ab und zu rauschte ein Auto an uns vorbei. Ansonsten war es mucksmäuschenstill. Die Ruhe dieser sonst so lebhaften, lauten Stadt hatte etwas Magisches an sich, was mich noch viele darauffolgende Nächte nicht loslassen sollte.

Ich fühlte mich komplett orientierungslos, als ich den anderen beiden nachlief. Und wusste wohl schon in diesem Moment, dass ich auf welchem Weg auch immer wieder zurückkommen müsse in diese „Exilstadt“ – ein Name, den sich bis jetzt noch keine Stadt, die ich besuchen durfte, so sehr verdient hat wie Barcelona. Hier treffen sich Menschen aller Altersgruppen aus aller Herren Länder mit den verschiedensten Geschichten. Mit einem Ziel: einfach Mal durchzuatmen.

Ich wollte mich noch ein wenig mehr, ein wenig weiter in die Tiefen dieser Stadt verirren, in ihnen verlieren. Und schauen, wo ich landen, wo ich mich wiederfinden würde. Selbst wenn das früher oder später wieder in Wien sein sollte.

Exil, ich komme!


Die Namen der erwähnten Personen wurden übrigens aus offensichtlichen Gründen ausnahmslos geändert. Folglich bin ich jetzt Expertin in französisch-mexikanisch-kubanisch-italienischen Vornamen.

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